Die rote Sonne geht an der Schlachte unter

Auf dem Schiff „Treue“ präsentieren Künstler Gedichte und eigenwillig interpretierte Lieder

VON UWE WICHERT

Altstadt. Mit seiner neuen Veranstaltongs-reihe „Bühne Caramboulage" will der Waller Musiker Jörg Albrecht die westliche Schlachte beleben. Er hat sich das Schiff „Treue" am Anleger 5 dafür ausgeguckt Alle zwei Monate will er ein buntes Programm mit Musik und Poesie zusammenstellen. Beim Auftakt drehte sich alles um das Meer - die Gäste erlebten eine skurrile, streckenweise tief emotionale Vorstellung.

 

Unter der Decke des Schiffsbauchs schaukeln die Lampen in ihren Verankerungen. Ihr Licht ist schummrig. An der Bar und den Bistrotischen sitzen die Besucher vor Bier- und Weingläsern. Unter den Füßen knarrt der Holzfußboden. Die Bühne hat knapp fünf Quadratmeter. Mikro und Keyboard stehen bereit.

Das Motto heißt „ Das Meer". Auf der Einladung stand: „Drei Männer und drei Frauen präsentieren ein internationales Musikerlebnis aus den Weiten des Meeres in musikalischer Vielfalt." Jörg Albrecht versichert, dass die Musik etwas ganz Spezielles sein wird. „Nicht diese Lieder, die man überall zu hören bekommt."

Überdreht und gut gelaunt

Die Waikiki Girls werden angekündigt, und zwei leicht überdrehte Frauen mit Glit-terröcken und Bommelmützen entern die Mini-Bühne. Gut gelaunt, aus vollem Herzen und immer leicht am Ton vorbei präsentieren die Damen bekanntes und weniger bekanntes Seemannsliedgut in eigener Interpretation. Der Schlager „Ein Schiff wird kommen" von Melina Mercouri wird ergänzt um die Passage „Wir sind die Ladies von der Weser".

Dann folgen weitere dramatisch vorgetragene Songs über das Meer, die Liebe und die unendliche Sehnsucht nach der Feme. Die Sängerinnen bedienen dabei die gesamte Spanne von Freddy Quinn bis Abba und treiben die Wirkung der Schnulzen durch übertrieben ernsthafte Mimik auf den Höhepunkt, Eine skurrile, höchst amüsante Darbietung. Zum Abschluss zeigen die Waikiki Girls, woher ihr Name

stammt, und schunkeln, künstliche Blumengirlanden um den Hals, zu hawaüanischen Klängen. Und schon kommt „Meeresrauschen". Hinter diesem Künstlernamen verbirgt sich die junge Dichterin und Sängerin Birgit Corinna Lange, die ihren Auftritt im langen Abendkleid mit einem Gedicht einleitet. „Es ist zärtlich und grausam und lässt uns erraten, wie winzig wir sind", trägt sie vor. „Wir brauchen das Meer, doch das Meer braucht uns nicht."

Weitere Gedichte schließen sich an, dazwischen singt „Meeresrauschen" mit junger, durchdringender Stimme die alten schwermütigen Lieder von der See. Jörg Albrecht begleitet sie auf dem elektronischen Piano. Als die Sängerin mit voller Inbrunst den Hans-Albers-Klassiker „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" in den kleinen Raum schmettert, läuft so manchem ein Schauer über den Rücken.

Die Stimmung ist gut. Die Besucher haben bereits das ein oder andere Glas geleert und wollen mitsingen. Dies steigert sich noch, als die Band Lichtenstein die Bühne übernimmt und Lieder von Rio Reiser, Herbert Grönemeyer oder Fats Domino präsentiert. Mit rauchiger Stimme gibt Sänger Martin Fricke den unterschiedlichen Songs, die auf ihre ganz spezielle Weise einen Bezug zum Wasser haben, eine spezielle Note. Begleitet wird er dabei von Gitarren- und Keyboardklängen.

Als das Trio das Lied der Capri-Fischer anstimmt, steigt das Publikum in den Gesang ein. Die Zeüen „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt. Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus. Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus" dringen aus den meisten Kehlen. Die Band trifft den Geschmack des Publikums und erhält als Dank tobenden Applaus.

Auch Veranstalter Jörg Albrecht ist zufrieden mit der Premiere seiner neuen Bühnenreihe und blickt bereits auf den nächsten Termin. „Anfang Mai wird es die nächste Bühne Caramboulage geben", plant er. „Dann heißt das Motto ,Liebe'." Auch die Akteure stehen schon fest: Es werden dieselben wie bei der Premiere sein.